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Bäume töten, um Häuser zu bauen?

Das ist vorbei! Das Haus der Zukunft lebt!
Das Haus der Zukunft wird gepflanzt!

Das neue Grüne Bauen beginnt im Kindergarten. Erzieherinnen und Erzieher, Eltern, auch größere Kinder errichten Zelte, Kuppeln, Kriech- oder Laufgänge aus Weidenruten als Spielobjekte für Naturkindergärten, wo die Zelte und Kuppeln Tipis und Iglus heißen. Sie sind preiswert, leicht zu erstellen, können, wo sie der Spielfreude der Kinder nachgeben, jederzeit erneuert werden. Sie verschaffen den Kindern das Erlebnis von Gestaltung mit der Natur und von ihrem prozesshaften Wandel im Wechsel der Jahreszeiten. Bauen mit Pflanzen, Bauwerke als Baumwerke, das ist ein wichtiges Mittel sinnlich erfahrbarer, handgreiflicher Umweltbildung.

Aber nur in diesen 'Kinderschuhen' hat das neue Grüne Bauen nie gesteckt. Der 'Biotekt' Rudolf Doernach schuf von vorneherein Entwürfe für Großbauten. Und auch der Schweizer Architekt Marcel Kalberer und der Lebendbauer und Permakulturexperte Konstantin Kirsch denken, planen und gestalten in großen Dimensionen.

Das weltweite Projekt der Expo 2000 'Aus Hecken werden Häuser - Bauwerke als Baumwerke' des Deutschen Werkbund Nordrhein-Westfalen

Der Deutsche Werkbund widmet sich seit 1907 der Qualität von Gestaltung. 1959 begann seine Auseinandersetzung mit den Umweltproblemen unter dem Motto 'Die große Landzerstörung'. Seitdem ist neben Fragen der Qualität von Architektur und Design auch die Umweltgestaltung sein Thema. Bei der Auseinandersetzung mit der Erhaltung von Artenvielfalt in unserer Kulturlandschaft zeigte sich, dass der Naturschutz sich in einer strukturellen Defensive befindet, weil er an der Dynamik der Gesellschaft keinen Anteil hat. Daraus ergab sich die Idee einer Ergänzung durch Gestaltungsmaßnahmen zum Nutzen der Artenvielfalt; Naturschutz und Naturgestaltung also Hand in Hand. Gedacht war an Verbünde von Feldhecken als Schutzräume der Artenvielfalt im Zuge von Biotopvernetzungen - bis hin zu einem Europäischen Heckenverbund. Auf die Raumbildung mittels Hecken in der Landschaft folgte die Raumbildung in Hecken als Unterschlupf z.B. für Kinder. Aus der Idee eigener 'Heckenhäuser' ergab sich der Kontakt zu der schon bestehenden Szene des lebendigen Bauens..

1995 stellte der Deutsche Werkbund Nordrhein-Westfalen die Idee auf einem Symposium im Kunstmuseum Bonn vor, das der Direktor des Museums, Prof. Dr. Dieter Ronte, moderierte. Für entsprechende Experimente stellte die Stadt Bonn danach ein 5000 qm großes Grundstück auf dem Gelände der Stadtgärtnerei Bonn zur Verfügung, weitere 2500 qm wurden gepachtet. Auf diesen 7500qm enstand von 1996 an eine grüne Modellanlage, die einen Ausschnitt der Möglichkeiten des neuen Grünen Bauens zeigt. 1997 erhielt das Projekt den Rang eines weltweiten Projekts der Expo 2000 Es heißt seitdem 'Aus Hecken werden Häuser - Bauwerke als Baumwerke'. Dr. Walfried Pohl und Luzia Mayer sind die Projektleiter.

Das Projekt ist angelegt als soziale Skulptur im Sinne von Joseph Beuys. Die Projektleitung lud namhafte Gestalter zur Beteiligung ein, gab aber auch jedem Interessierten Gelegenheit, mit Grünem Bauen zu experimentieren oder Ideen zu verwirklichen, die in den Rahmen naturnaher Gestaltung passen. Dabei spielt Naturkunst eine wichtige Rolle. So arbeiteten auf dem Gelände Architektinnen und Architekten, Künstlerinnen und Künstler, Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer, Handwerkerinnen und Handwerker, Fachleute aus Landwirtschaft, Pädagogik, Biologie, Geographie, eine Frauengruppe, interessierte Bürgerinnen und Bürger. Sie schufen über 60 Objekte, Naturbauten, Naturdesign, Naturkunst.

Idee und Formensprache des neuen Grünen Bauens

Das neue Grüne Bauen ist die radikalste Form des organischen Bauens. Das Bauwerk entsteht nicht mehr gemäß einer Analogie zwischen Haus und Organismus; das Bauwerk ist ein Organismus. Es ist ein nachwachsendes Bauwerk, das aus vegetativen Bauelementen gebildet wird und fest in der Erde wurzelt.

Das neue Grüne Bauen ermöglicht die Versöhnung von Natur und Architektur. Wird das Bauwerk gepflanzt, entstehen ebenso Räume wie bei der massiven Architektur. Aber die Vegetation wird sozusagen nur angehoben zur Bildung von Höhlen, Hallen oder 'Hohlwegen' mit pflanzlicher Hülle. Alle vegetativen Prozesse setzen sich fort: die CO2-Absorption durch Photosynthese mit der Assimilation zur Bildung von 'Biomasse', die Sauerstoffproduktion, die Klimaregulierung, die Reinigung der Luft, die Wasserspeicherung.

Das Faszinierende am reinen Pflanzenhaus - es handelt sich um einen selbsttragenden Pflanzengerüstbau. Von einigen Vorläufern abgesehen, ist es eine moderne Erfindung. Man kann durchaus von einer neuen Technologie im Grünbereich sprechen, High Bio, wie Rudolf Doernach sagt. Sie steht in einer polaren Entsprechung zu High Tech, vor allem der organoiden Architektur, die sich mit Hilfe entsprechender Computerprogramme konstruieren lässt.

Für den Pflanzengerüstbau gibt es mehrere Varianten:

Das einfache Rutengerüst aus Weiden, wie es vor allem in den Kindergärten und Schulen angewendet wird, hat Rudolf Doernach in den 70er Jahren entwickelt. Es eignet sich auch für grüne Lauben im Hausgarten. Die Weidenruten werden als Stecklinge ins Erdreich eingebracht. Je dicker sie sind, desto besser wachsen sie an. Mit Weiden kann jeder Laie arbeiten. Stecklinge von anderen Baumarten brauchen jedoch die Hand eines Gärtners. Die Ausmaße, vor allem die Höhe, sind durch die Länge der Ruten begrenzt.

Einfache Zelte oder Kuppeln lassen sich in wenigen Stunden errichten. Nach kurzer Zeit kann man sich in einem Raum aufhalten, den man selbst geschaffen hat.
Wer mehr Zeit hat, lässt die Weidenstecklinge über einige Vegetationsperioden bis zur gewünschten Höhe anwachsen und verbindet sie dann erst zum 'Baumwerk'.

1988 entwickelte Marcel Kalberer die selbsttragende Rutenbündelkonstruktion, die auch Großanlagen erlaubt. Aus Weidenrutenbündeln bis zu 20 m Länge entstehen Bogenkonstruktionen von beachtlicher Höhe. Dabei ersetzt der Anwuchs der gepflanzten und damit wurzelbildenden Ruten die nachfolgenden Ruten des Bündels, welche keinen Bodenkontakt haben und daher austrocknen. Ist das Blätterdach dicht, können die Triebe auswachsen. Pflege ist dann nicht mehr nötig. Der geschaffene Raum bleibt auf jeden Fall erhalten. Wer einen höheren Grad an Stabilität erreichen will, kann in das Rutenbündel ein Eisenrohr einlegen.

Eine weitere Konstruktionsform ist der lebende Gittergerüstbau, mit dem Konrad Kirsch arbeitet. Bei Bebra in Nordhessen befindet sich seine Modellanlage, wo er mit Esche, Linde, Buche, Hasel, Ahorn, Eberesche, Apfel experimentiert. Die jungen Stämme, in Baumschulen vorgezogen, werden nach dem Pflanzen entweder zu einem rhombischen Gitter verbunden oder verschraubt, oder sie werden sehr eng nebeneinander gepflanzt. In jedem Fall können sie dann miteinander verwachsen. Ist z.B. das Gitter eng genug, werden beim Dickenwachstum die Zwischenräume immer kleiner, so dass sich die Konstruktion einer lebenden Wand annähert. Das ist ein Prozess, der seine Zeit braucht. Wird z.B. ein Eschenhaus zum Zeitpunkt der Geburt eines Kindes gepflanzt, könnte dieses, wenn es groß ist, einziehen. Kirsch vor allem weist auf den Vorläufer des Lebendbaus hin: Arthur Wiechula, dessen Buch 'Wachsende Häuser aus lebenden Bäumen entstehend' 1925 in Berlin erschien.

Die traditionelle Methode, mit Pflanzen Räume zu umschließen, ist der Rankgerüstbau. Für seine Weiterentwicklung und Umsetzung in eine moderne Form sorgte Rudolf Doernach mit seinen Baumaßnahmen und seinen Entwürfen für Großanlagen und ganze grüne Städte. Wichtig dabei ist es, dass die Pflanzen die Erscheinung des Gebäudes bestimmen. Der moderne Pflanzengerüstbau unterscheidet sich damit von den Massivbauten, die einen Pflanzenpelz durch berankte Wände erhalten und begrünte Dächer haben.

 

siehe auch:
Walfried Pohl: Aus Hecken werden Häuser - Design mit lebenden Systemen

Kontakt: Projekt Heckenhäuser; zuletzt aktualisiert durch G. Klarner am 08.04.2008